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Bienenschutz trifft Bauphysik

Auch die Bauphysik hat ein Herz für Wildbienen. Diese dürfen seit Anfang des Jahres in die Prüfstände von Linda Meier vom Institut für Akustik und Bauphysik (IABP) der Universität Stuttgart einziehen. Die Wissenschaftlerin untersucht hier, in wieweit sich Nisthilfen in die Fassade von Häusern integrieren lassen, ohne einen negativen Effekt auf die Bausubstanz oder das Klima des Gebäudes zu haben. Dafür stehen drei Minihäuser mit unterschiedlichen Fassaden an je zwei Standorten: Ziegelbauwerk mit EPS-Dämmung, Ziegelbauwerk mit Holzdämmung und vorgehängter Holzverkleidung sowie ein Holzleichtbau. In Jedes eingelassen sind vier Holzbetonelemente gefüllt mit Hartholz, einem Lehm-Sand-Gemisch, Strangfalzziegel mit den typischen Löchern und Schilfrohr.

Linda Meier vom IABP prüft hier die Auswirkungen von fassadenintegrierten Nisthilfen auf Raumklima zukünfitger Gebäude

Zu Beginn ihrer Arbeit standen nicht nur trockene Recherchearbeiten zu Themen der Bauphysik und Wildbienenkunde an. Linda Meier fertigte auch die Holzbetonelemente und Nisthilfen größten Teils selbst. Ein Maurer und ein Zimmermann errichteten die Bauten und brachten die verschiedenen Nisthilfen an. Nach der Beobachtung der Wildbienen und der Kategorisierung des Blütenangebotes in diesem Sommer wird nun die Messtechnik verfeinert. Dafür werden Sensoren in die Fassadenelemente und den Innenraum integriert, programmiert und ausgelesen.

Fokus von Linda Meiers Doktorarbeit ist die Fassade. Dazu bestimmt sie die Oberflächentemperatur und deren Gefälle sowie unter anderem die Wärmeleitfähigkeit der verschiedenen Nistmaterialien. Für den Winter werden weitere Sensoren angebracht, um Feuchtigkeit und Temperatur im Tagesverlauf dokumentieren zu können. Die bauphysikalischen Effekte könnte man zwar auch größtenteils simulieren, aber der Charme und die Notwendigkeit der Prüfstände sei, dass hier auch parallel die Besiedlung der Nisthilfen, als weiteres fundamentales Ziel der Forschung, beobachtet werden könnte, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin. Während zum Beispiel bei diesen Experimenten aktuell am Lehm häufig nur Material abgetragen wird, sind im Hartholz schon etliche Bruttunnel verschlossen.

Linda Meier vom IABP prüft hier die Auswirkungen von fassadenintegrierten Nisthilfen auf Raumklima zukünfitger Gebäude

Das freut die studierte Umweltschutztechnikerin umso mehr, weil sich die Standortsuche und der Aufbau der Prüfstände doch in den Frühling hineingezogen hatte. Die Standorte sind aber auch nicht einfach irgendwo. Auf den nahegelegenen Parkplatzinseln und Wiesen hat die Wilhelma spezielle Saatgutmischungen ausgebracht, die nahezu das ganze Jahr blühen. So ist das Futterangebot für die Wildbienen und ihre Nachkommen gesichert.

Dies alles berichtete Linda Meier an einem sonnigen Abend Anfang September den Interessierten vom Bienenschutz sowie zwei Informatikstudenten, die sich nach einer anstrengenden Klausur dazu gesellten. Ob einer der beiden die Hiwi-Stelle angenommen hat, die Linda ihnen anbot, und welche Erkenntnisse sie über den Winter ausarbeiten konnte, wird sie uns vielleicht an einem Abend in Frühjahr erzählen können.

An dieser Stelle möchten wir uns auf jeden Fall schon einmal für den tollen Abend in Vaihingen bedanken und freuen uns auf ein Wiedersehen.

Weitere Infos zu Linda Meiers Projekt findet ihr hier: https://www.f02.uni-stuttgart.de/fakultaet/aktuelles/news/Meine-neue-Nachbarin-ist-eine-Wildbiene-00001/

Unseren Wildbienen ein Gesicht geben

Kennst Du die Wildbienen, die Deinen Garten besuchen oder in Deiner Nachbarschaft wohnen? Weißt Du wo sie nisten, und wo sie Nahrung finden?

Der Verein Bienenschutz Stuttgart arbeitet seit fast einem Jahr an einem Info-Plakat, das insgesamt 34 häufig vorkommende und weit verbreitete Wildbienenarten, ihre Besonderheiten und ihre Lebensräume vorstellt.

Anschauliche Größendarstellungen, detailreiche Abbildungen auf typischen Blüten, besondere Merkmale und Darstellung der Nistplätze kennzeichnen unseren Plakatentwurf

Mit unserem Wildbienenplakat wollen wir Menschen über Wildbienen informieren, wir wollen ihnen dabei helfen, diese Arten im Garten und in der Natur zu entdecken und sie für die Vielfalt im Reich der Wildbienen begeistern. Weitere Ziele des Plakates sind, das Wissen der Menschen über Wildbienen zu vermehren und ihre Artenkenntnis über die Honigbiene hinaus zu verbessern.

Nicht-kommerzielles Projekt

Das Plakat soll kostenlos an Schulen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Landesmedienzentren, Umweltstiftungen, Naturkunde-Museen, Garten- und Bienenliebhaber abgegeben werden.

In den letzten Monaten haben wir schon viel Vorarbeit geleistet: Begonnen haben wir mit einer sehr genauen und intensiven Auswahl der Arten, die wir zeigen. Danach haben wir uns Gedanken über die einzelnen Elemente des Plakates und die Darstellung der Bienen gemacht. Mittlerweile gibt es einen wunderschönen Entwurf (siehe oben), und wir möchten nun an die Auswahl der Bilder zu den einzelnen Arten gehen.

Jetzt suchen wir also die schönsten und detailreichsten Bilder zu unseren 34 Wildbienenarten. Ihr, egal ob Profi- oder Hobbyfotograf, Wildbienenspezialist oder Glücksritter, seid alle dazu aufgerufen, uns dabei zu unterstützen.

Scharfe Fotos von Andrena bis Xylocopa

Bitte schickt uns an die Adresse wildbienenfotos at web.de klare und scharfe Fotos mit mindestens 300 dpi Auflösung zu den Bienenarten, die in diesem PDF gelistet sind. Bitte bezeichnet die Bienenart eindeutig und nach Euren besten Wissen. Schickt uns außerdem bitte Euren Namen und eine E-Mail-Adresse mit, über die wir Kontakt mit Euch aufnehmen können. Wir garantieren Euch, dass wir Eure Fotos ausschließlich für unser Plakat-Projekt verwenden werden.

Unter allen Fotografinnen und Fotografen, deren Fotos am Ende auf dem Plakat landen, verlosen wir ein Wildbienenbuch, ein Honig-Abo und eine professionelle Nisthilfe. Außerdem erhalten alle Bild-Einsender, die ihre Adresse angeben, ein druckfrisches Plakat von uns zugeschickt, sobald es fertig ist.

Wir freuen uns auf Eure Bilder!

Insekten und Wiese

Seminarstart: Insektenfreundliche Streuobstwiese

Ab sofort könnt Ihr Euch bei der VHS Stuttgart für unser neues, dreiteiliges Seminar „Insektenfreundliche Streuobstwiese“ anmelden. Das Format, das von Bienenschutz Stuttgart entwickelt wurde, verknüpft erstmals die Aspekte von Baum- und Wiesenpflege und vermittelt privaten Besitzern von Streuobstwiesen einen ganzheitlichen Blick auf dieses für Insekten, Vögel, Reptilien und Säugetiere so besondere und wertvolle Ökosystem.

Wie pflege ich meine Wiese so, dass darauf besonders viele heimische Wildkräuter blühen? Warum geht das mit der Sense am einfachsten und mit geringsten Kosten? Wie erzeuge ich wertvolles Heu, das als Futter für Rinder, Schafe, Ziegen oder Pferde eingesetzt werden kann? Warum muss ich meine hochstämmigen Obstbäume regelmäßig schneiden? Wie gelingt ein professioneller Öschbergschnitt? Was ist beim Pflanzen und Erziehen von Hochstämmen zu beachten? Diese und viele, viele weitere Fragen, werden im Rahmen dieses VHS-Seminars beantwortet.

„Insektenfreundliche Streuobstwiese“ ist eine Kombination aus Online- und Präsenzveranstaltung sowie aus Theorie und Praxis. Der erste Theorie-Abend findet am 24. September um 18:30 Uhr digital statt. Die weiteren Termine am 25. September und am 8. Januar werden in der VHS-Ökostation, Wilhelm-Blos-Str. 129, abgehalten.

Die Kursnummer bei der VHS Stuttgart lautet: 212-17480. Anmeldungen sind ab sofort online über folgenden Link möglich: https://vhs-stuttgart.de/programm/kurssuche/kurs/Insektenfreundliche-Streuobstwiese/212-17480#inhalt

Süßen Signalen auf der Spur

Mit Dr. Hannah Burger auf Ausflug in die Geruchswelt unserer Bienen

Habt Ihr Euch schon mal gefragt, wie Bienen eigentlich zu den Blüten finden, die ihnen am besten schmecken? Dr. Hannah Burger vom Institut für Evolutionsökologie und Naturschutzgenomik an der Uni in Ulm konnte am 11. Mai  2021 etwa 60 Zuhörerinnen und Zuhören eine erste Idee zu dieser Frage mitgeben. Denn ihr Online-Vortrag handelte von „Wildbienen und ihren speziellen Vorlieben für Blütenduftstoffe“.

Wer in diesem komplexen Zusammenspiel zwischen Insekt und Pflanze mehr verstehen will, der muss sich einerseits mit den Duftcocktails verschiedener Wildpflanzenblüten und andererseits mit den Riechorganen der Wildbienen beschäftigen.

Zu letzteren gehören die Antennen und der Antennenlappen, auch Antennallobus genannt. Auf der Antenne einer Biene sitzen rund 60.000 neuronale Rezeptoren. Sie nehmen die ankommenden Gerüche auf und leiten sie über Nerven an den Antennallobus weiter, wo dann eine erste olfaktorische Signalverarbeitung stattfindet.

Dieses Riechhirn wiederum besteht aus weit über 100 unterschiedlichen kugelförmigen Strukturen, welche der Biologe Glomeruli nennt. Je nach Duft werden unterschiedliche Glomeruli oder Muster aus mehreren Glomeruli aktiv. Mit der Calcium-Imaging-Methode lassen sich diese Muster studieren. Dabei wird das Hirngewebe mit einem kalziumsensitiven Farbstoff angefärbt, der seine Fluoreszenz mit steigender Kalziumkonzentration verändert und die Aktivitäten in den Hirnbereichen so für uns Menschen sichtbar macht.

Wildpflanzen-Parfum wird zerlegt

Die Düfte unserer Wildpflanzen bestehen aus einer Vielzahl unterschiedlicher chemischer Verbindungen. „Das ist so wie bei einem Parfum“, sagt Burger. Auch hier mischt ja der Parfumeur unterschiedliche Substanzen zusammen, bis der gewünschte Duft entsteht.

Wissenschaftler arbeiten in der umgekehrten Richtung. Sie schicken das „Parfum der Blüten“ durch einen Gaschromatographen, der die einzelnen Substanzen des Gemischs voneinander trennt. Danach werden diese Substanzen in einem Massenspektrometer analysiert und gleichzeitig mit der Bienenantenne in Kontakt gebracht.

Jeder einzelne dieser Schritte ist notwendig bis man dann am Ende zu der Aussage kommen kann, dass es z. B. bei der Weiden-Sandbiene (Andrena vaga),  zu einer besonders starken Aktivität im Antennallobus kommt, wenn sie dem Duft einer blühenden Grauweide begegnet.

Gerade bei den oligolektischen Bienenarten, zu denen etwa 30 Prozent unserer nestbauenden, heimischen Wildbienen gehören, zeigen sich in der Signalstärke und auch im Signalmuster deutliche Unterschiede. Aber auch für die Generalisten unter den Bienen, wie die Honigbiene, riechen offenbar nicht alle Blüten gleich schmackhaft. Auch sie sind ein wenig schleckig 😉

Eucera nigrescens - Felix Fornoff

Orange-brauner Pelz und lange Antennen

Ihren besonders langen Antennen und dem Flugzeitraum, der meist Ende April bis Anfang Mai beginnt, verdankt die Wildbiene des Jahres 2021 ihren Namen. Die Mai-Langhornbiene (Eucera nigrescens) ist etwas größer als die Honigbiene, sie wirkt außerdem ein wenig plump und ist pelzig orange-braun behaart.

Die Männchen der Mai-Langhornbiene erscheinen deutlich vor den Weibchen meist ab Mitte April bis Anfang Mai und patrouillieren in rasantem Flug bevorzugt an Beständen der Zaun-Wicke. Denn die Wildbiene des Jahres hat besondere Ansprüche an ihre Nahrungspflanzen. Ausschließlich Schmetterlingsblütler stehen auf ihrem Speisezettel. Der Schlüssel aber für das Vorkommen der Mai-Langhornbiene sind ergiebige Bestände der Zaun-Wicke.

Die Männchen folgen auffällig stets den Flugbahnen, die von ihnen durch Duftmarken festgelegt wurden, und erwarten die Weibchen. Diese legen Nester in der Erde an vegetationsfreien oder nur spärlich bewachsenen Stellen an. Das sind ebene Flächen oder Böschungen bevorzugt mit lehmigen oder sandigen Böden. Die Weibchen
häufen im hinteren Teil der Brutkammern den Pollenvorrat einfach an und formen ihn nicht, wie bei anderen Wildbienen üblich, zu einer Kugel. Nach Fertigstellung der Nester stirbt das Weibchen etwa Mitte Juni.

Noch ist Eucera nigrescens bundesweit betrachtet nicht gefährdet, doch wird sie in einigen Bundesländern in der jeweiligen Roten Liste geführt. In Nordrhein-Westfalen gilt sie als gefährdet, in Sachsen als vom Aussterben bedroht.

Das Kuratorium „Wildbiene des Jahres“ wählt seit 2013 jährlich eine besonders interessante Wildbienenart aus, um an ihrem Beispiel die spannende Welt dieser Tiere bekannter zu machen. Zugleich soll die Wildbiene des Jahres dazu ermuntern, „in die Natur“ zu gehen und das Tier in seinem Lebensraum aufzusuchen.

Damit wirkt die Initiative auch im Sinne einer Wissenschaft für alle (Citizen Science) und bringt mehr Klarheit über das aktuelle Vorkommen der Wildbiene des Jahres.
Das Kuratorium ist beim Arbeitskreis Wildbienen-Kataster angesiedelt, einer Sektion des Entomologischen Vereins Stuttgart 1869 e.V.

Sensenschwinger jetzt UN-Dekade-Projekt

Das Projekt Stuttgarter Sensenschwinger von Bienenschutz Stuttgart e. V. ist als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt im Rahmen des Sonderwettbewerbs „Soziale Natur – Natur für alle“ ausgezeichnet worden. In seiner Videobotschaft würdigte der Biodiversitätsberater und Begründer der „Initiative Bunte Wiese“ Dr. Philipp Unterweger das gemeinschaftliche Konzept der Sensenschwinger, das Biodiversitätswerkzeug Sense in der Gesellschaft neu zu verankern. Die Auszeichnung wird vorbildlichen Projekten verliehen, die mit ihren Aktivitäten auf die Chancen aufmerksam machen, die die Natur mit ihrer biologischen Vielfalt für den sozialen Zusammenhalt bietet.

Gift liegt in der Luft

In der konventionellen Landwirtschaft eingesetzte Pestizide verbreiten sich manchmal viele Kilometer über die Luft. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Herbst veröffentlichte Studie des Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. An 163 Untersuchungsstandorten, verteilt über ganz Deutschland, wurden insgesamt 138 Pestizide gefunden. Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz waren zwölf Pestizide nachweisbar. Fast ein Drittel der nachgewiesenen Wirkstoffe (30 Prozent), darunter DDT und Lindan, ist dabei in Deutschland nicht oder nicht mehr zugelassen.

Die Daten wurden mit Hilfe von neu entwickelten technischen Passivsammlern, Filtermatten aus Be- und Entlüftungsanlagen sowie durch Funde in Bienenstöcken erhoben. Unterstützt wurde das Projekt von Bürgern, Landwirten und Imkern, die die Pestizidsammler nach Anweisung und gezielter Orts-Auswahl des TIEM-Instituts aufstellten und anschließend die Proben einsendeten. In die Ergebnisse floss zudem eine Voruntersuchung an Baumrinden aus den Jahren 2014 bis 2018 mit ein.

In allen Passivsammlern und Filtermatten fand das Labor Glyphosat. Damit dürfte klar, sein, dass sich der Wirkstoff, der unter dem Verdacht steht krebserregend zu sein, auch über die Luft verbreitet. Die Pestizid-Hersteller und die Zulassungsbehörden hatten dies bisher verneint und darauf verwiesen, dass Glyphosat schwer flüchtig sei.

Das Bündnis fordert die Politik auf, sofort zu handeln. Die EU-Kommission soll bis 2035 alle synthetischen Pestizide verbieten. Vor allem die fünf am häufigsten gefundenene Wirkstoffe (Glyphosat, Pendimethalin, Prosulfocarb, Metolachlor und Terbuthylazin) sollen schnellstmöglich vom Markt verschwinden. Des Weiteren sollen Bio-Landwirte bei Kontamination über einen Fonds entschädigt werden.

Alle Ergebnisse der Studie wurden auf https://www.ackergifte-nein-danke.de/studie veröffentlicht.

Maß halten bei Honigbienen

Offener Brief zur Bienenhaltung im urbanen Raum

Nur die Dosis macht das Gift. Dieser sinngemäß verkürzte Satz des Arztes und Naturforschers Paracelsus gilt auch für die Imkerei. In den zurückliegenden Jahren haben wir besonders bei der Haltung von Honigbienen in der Stadt einen Boom erlebt. In Stuttgart sind beim zuständigen Veterinäramt im November 2020 über 3.000 Bienenvölker von über 650 Imkern gemeldet, das sind im Durchschnitt über 15 Völker pro Quadratkilometer. Das freut Imkervereine und mittlerweile auch Menschen, die mit neuen Geschäftsmodellen Geld verdienen wollen (siehe u. a. Artikel in Stuttgarter Zeitung von Andrea Jenewein mit dem Titel „Ein Bienenvolk für den heimischen Balkon“).

Diese Freude an der wachsenden Liebe der Stadtbevölkerung zu den Honigbienen wird aber nicht von allen geteilt. Gerade bei der Bienenhaltung im siedlungsnahen Raum, wo viele Menschen eng aufeinander wohnen, kann es zu nachbarschaftlichen Konflikten kommen. Es sind eben nicht alle Menschen im Umgang mit Insektenstichen so entspannt, wie das vielleicht wünschenswert wäre. In Einzelfällen können schwere allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock auftreten.

Bienenplagen in Trockenzeiten

Bei hoher Bienendichte und wenig Tracht kommt es vor allem in trockenen Sommermonaten zu weiteren unschönen Phänomenen. Dann tauchen auf einmal mehrere hundert Sammelbienen aus Bienenstöcken in der nächsten Bäckerei auf, um an den zuckrigen Auslagen ihren Hunger zu stillen. Auch am Swimmingpool kann es dann zu Bienenplagen kommen, denn auch Honigbienen haben Durst. Regelmäßig erhalten wir Anrufe von Menschen, die in Sorge sind und uns von solchen Vorfällen berichten.

Honigbienen im Mülleimer
Honigbienen auf Nahrungssuche in einem Müllbehälter am S-Bahnhof Ludwigsburg

Besonders unbeliebt sind die vielen Honigbienen mittlerweile bei Entomologen und Naturschützern, denn die Indizien mehren sich, dass es gerade in Zeiten mit geringem Angebot an Pollen und Nektar zu einer Nahrungskonkurrenz von Honigbienen und heimischen Wildbienen kommen kann. In intakten Landschaften mit ganzjährig hohem Blütenangebot sind solche Effekte nach wissenschaftlichem Kenntnisstand eher selten, aber leider sind diese Bedingungen immer seltener gegeben. Auch im urbanen Raum ist das Nektar- und Pollenangebot begrenzt, und wenn es dann knapp wird, sind die Leidtragenden oft Sandbienen, Hummeln oder Maskenbienen, die für immer verschwinden – und mit ihnen die Artenvielfalt.

Nachbarschaft und Blütenangebot beobachten

Deshalb plädieren Bienenschutz Stuttgart und die Mit-Unterzeichner dieses Schreibens für ein gesundes Maß auch in der Stadtimkerei. Menschen, die Honigbienen halten wollen, sollten sich unbedingt vorab einen Eindruck darüber verschaffen, wie viele Bienenvölker in der Nachbarschaft des geplanten Bienenstandes, Gartens oder Balkons bereits vorhanden sind. Des Weiteren empfiehlt es sich, vor Inbetriebnahme eines neuen Bienenstandes in der Umgebung vorhandene auffällige Trachten bei warmem, sonnigem Wetter auf den Besatz mit Honigbienen zu überprüfen.

In jedem Volk sind zwischen 20.000 und 40.000 Bienen, von denen jede Nektar als Treibstoff benötigt. Das Blütenangebot im Flugradius (ca. 3 km) eines Bienenvolkes muss diesen Nektar ganzjährig anbieten. Ist das nicht der Fall, sollte man hier auf die Bienenhaltung verzichten und stattdessen für ein vielfältiges und reichhaltiges Nektar- und Pollenangebot sorgen.

Für sinnvoll halten wir in der Stadt auch sogenannte BeeSharing-Modelle, eine Form der Imkerei, bei der sich mehrere Menschen gemeinsam um ein oder zwei Völker kümmern. Auf diese Weise kann man voneinander lernen, sich in Urlaubszeiten gegenseitig vertreten und die berechtigte Faszination für Honigbienen artet in arbeitsreichen Zeiten nicht gleich in Stress aus.

Die Imkerei ist eine wunderschöne Beschäftigung mit einer faszinierenden Spezies, und sie hat den willkommenen Nebeneffekt, dass imkernde Menschen ihr Verständnis für die komplexen Zusammenhänge in unserer Umwelt vertiefen. Verantwortungsvoll wird sie dann, wenn sie sich so weit zurücknimmt, dass es nicht zu unerwünschten negativen Effekten und zu einem Druck auf andere Arten kommt.

Mit-Unterzeichner:

NABU Stuttgart, Bunte Wiese Stuttgart, BUND Stuttgart

Mehr Bienenvölker und Imker

Die Zahl der Imker und Bienenvölker in Stuttgart ist auch im Jahr 2020 weiter angewachsen. Eine Anfrage von Bienenschutz Stuttgart Mitte November beim zuständigen Veterinäramt ergab, dass aktuell 658 Imker und Imkerinnen gemeldet sind, die insgesamt 3.046 Honigbienenvölker betreuen. Vor einem Jahr waren es 603 Imker mit 2.763 Völkern. Im November 2015 lauteten die Vergleichszahlen 396 Imker mit 1.900 Völkern.

Bezogen auf die Fläche von Stuttgart ergibt sich aus den Zahlen eine aktuelle Bienendichte von durchschnittlich 15 Honigbienenvölkern pro Quadratkilometer. Dieser Durchschnittswert dürfte verglichen mit der Realität eher zu niedrig sein, da allein ein Viertel der Fläche Stuttgarts aus Wald besteht, wo sich in der Regel kaum Imker mit ihren Völkern aufhalten. An den meisten Standorten ist somit eher von Bienendichten im Bereich von 20 Völkern pro Quadratkilometer auszugehen.

Aus den Zahlen lassen sich außerdem zwei Trends ablesen. Die seit acht bis zehn Jahren zu beobachtende Zunahme von Honigbienenvölkern in der Stadt ist ungebrochen. Und die Zahl der Imkerinnen und Imker steigt stärker als die Zahl der Völker. Menschen, die Honigbienen halten, haben also durchschnittlich weniger Völker als früher und betreiben die Imkerei überwiegend als Hobby.

Die beim Veterinäramt gemeldeten Honigbienenvölker bieten lediglich ein grobe Orientierung zur Situation der Stadtimkerei in Stuttgart. Die Realität kann von diesen Zahlen natürlich abweichen, denn neu gebildete Ableger werden dem Veterinäramt nicht immer sofort gemeldet und Völker, die den Winter nicht überleben, werden nicht immer sorgfältig abgemeldet.

Sensen leicht gelernt

Bienenschutz Stuttgart veranstaltet ab Mai 2020 wieder Kurse, in denen das lautlose, insektenfreundliche und Rücken stärkende Mähen mit der Sense erlernt werden kann. Unsere beiden ersten Kurse werden am 16. Mai in Hedelfingen und am 17. Mai in Heumaden stattfinden.

Sense wetzen
Bernhard Lehr erläutert das Wetzen der Sense mit dem Stein.

Bernhard Lehr erklärt und zeigt in den Kursen das richtige Sensen von der Pike auf. Er beantwortet dabei wichtige Fragen, wie: Was macht eine gute Sense aus? Wo kaufe ich eine gute Sense? Wie stelle ich meine Sense richtig ein? Wie und wie oft wird die Sense gewetzt oder gedengelt? Wie kann ich mit wenig Krafteinsatz mähen?

Interessierte können sich ab sofort unter sensenkurs@bienenschutz-stuttgart.de anmelden. Für den Kurs werden Leihsensen zur Verfügung gestellt. Die Kursgebühr beträgt 25,- Euro. Sie wird vor Ort erhoben und beinhaltet auch ein zweites Frühstück.